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Eine Verkettung ungünstiger Umstände oder schlichtweg überfordert? Die Erlebnisse einer einzigen Bahnfahrt zwischen Hamburg und Goslar werfen kein gutes Licht auf die Deutsche Bahn...
Die Deutsche Bahn ist Dienstleister. Ich sehe ihr primäres Ziel darin, mich von A nach B zu bringen, wenn ich es möchte. Gut, nun wissen wir ja alle, dass dieser Dienst der Bahn manchmal etwas Sand im Getriebe hat. Hier mal 'ne Verspätung, da mal 'n überfüllter Zug ohne Sitzplätze, und zur Zeit auch mal ein paar vermummte Gestalten in einer Gegend rund um Gorleben, die planmäßig angeordnet den Bahnverkehr ein wenig behindern. Ich meine übrigens nicht die Demonstranten, sondern die Männchen in Grün mit ihrem Stacheldraht-Barrieren.
Es ist also durchaus mal möglich, dass äußere Einflüsse den Bahnverkehr minimal negativ beeinflussen. Und manchmal kann die Bahn sogar echt nichts dafür. Tragisch wird es jedoch, wenn gleich mehrere Dinge auf einmal geschehen und die arme Bahn irgendwie in jenes Licht rücken, das sie ein wenig - na, sagen wir mal vorsichtig - überfordert scheinen lässt.
Soweit meine Theorie. In der Praxis könnte eine solche Verkettung sich wie folgt abspielen. Nehmen wir mal an, an einem Herbst-Sonntag kurz vor sieben Uhr morgens findet man sich nach einem Reeperbahn-Ausflug müde und erschöpft im Hauptbahnhof Hamburg ein, um die nächstmögliche Verbindung nach Goslar zu nutzen. Einziges Kriterium: Nahverkehr soll es sein, damit man das günstige Wochenend-Ticket nutzen kann. Dann spuckt der Computer eine Verbindung "Hamburg - Uelzen - Hannover - Goslar" aus. Eigentlich eine recht simple Nahverkehrsstrecke mit zwei Umstiegshalten. 10 Minuten Umstiegszeit in Uelzen, 20 Minuten in Hannover. Das müsste als Puffer eigentlich reichen. Zahlen gemerkt? Okay, dann geht es los.
Dafür, dass ich in Hamburg fast eine Stunde auf den ersten Zug nach Uelzen warten muss, kann die Bahn wirklich nichts. Schließlich ist dieser Zug fahrplangetreu erst für 7:52 Uhr angekündigt, und wenn man vorher keinen Fahrplan ließt, ist man selber schuld, wenn man zu früh da ist.
Aber schon mit diesem Zug begann das Fiasko. Denn der kam bereits leicht verspätet als Uelzen. Die Verspätung war minimal und lag knapp innerhalb der Zeit, die mir in Uelzen zum Umsteigen zur Verfügung stand. Mit etwa 10-minütiger Verspätung geht es also von Hamburg aus los.
Dann macht die Bahn ja gerne jenes Spielchen, dass den Nahverkehrsreisenden deutlich machen soll, dass man ja nur noch Mensch zweiter Klasse ist: alle schnelleren Züge haben Vorfahrt. So überholt mich ein ICE oder IC nach dem anderen, während mein kleiner Nahverkehrszug auf irgendwelchen Provinzbahnhöfen brav auf seinen verkrauteten Gleisen wartet. Durch die 10-minütige Verspätung kam der Fahrplan etwas durcheinander, was dazu führte, dass uns noch mehr Züge als sonst überholen durften. Und dies führte wiederum dazu, dass unsere Verspätung noch mehr zunahm.
In Zahlen heißt das: auf der kurzen Strecke bis nach Uelzen haben wir 40 Minuten eingebüßt. Entgegen der Aussage der Schaffnerin ("Sie bekommen Ihre Anschlusszüge in Uelzen!") waren in Uelzen dann natürlich keine Anschlüsse mehr da. Ich denke, dass die Bahn solche Aussagen ohnehin nur aus psychologischen Gründen trifft, um die Fahrgäste zweiter Klasse irgendwie zu besänftigen und reflexartige Ausholbewegungen von vornherein im Keim zu ersticken. Und am Zielbahnhof steht man dann einfach vor vollendeten Tatsachen. Tatsachen übrigens, die auch dem hiesigen Service-Personal immer nur Kommentare wie "Ich kann ja schließlich auch nichts dafür!" entlocken. Warum hat man bei der Bahn eigentlich immer das Gefühl, dass niemand für irgendwas verantwortlich ist? Und wenn man dann nach der Privatnummer von Bahn-Chef Mehdorn verlangt (schließlich ist der ja tatsächlich irgendwie mitverantwortlich, ob er will oder nicht!), kriegt man sie auch nicht. Service? Pah!
Das Bahn-Personal in Uelzen war jedenfalls sichtlich erfreut darüber, dass etwa 60 bis 70 Menschen alle auf einen Schlag neue Bahnverbindungen für ihre Anschlusszüge haben wollten. Was wiederum bei den Service-Menschen eine eindrucksvolle Kreativität freiwerden ließ. So bekamen mehrere Fahrgäste, die alle eigentlich nur nach Hannover wollten, vom Computer unterschiedliche Weiterfahrmöglichkeiten. Jeder separat für sich, also "Person A fährt besser mit Zug A" und "Person B besser mit Zug B" und so weiter. Beim besten Willen: wie kann ein Computer, dem man Anfangs- und Zielort ohne weitere Bedingungen jedes Mal gleich eingibt, trotzdem scheinbar per Zufallsgenerator jedes Mal andere Verbindungen ausspucken???
Meine Verbindung sah einen Anschluss über Hannover und Kreiensen vor. Kreiensen lag allerdings gar nicht auf meiner Route. Und dieser Weg dauerte auch etwa 45 Minuten länger als die Direktverbindung Hannover - Goslar, die auch in allen ausgedruckten Fahrtabellen rund um den Service-Point verteilt stand. Meine Rückfrage, warum nicht die kürzere und schnellere Verbindung ausgegeben wird, ergab bis auf ein etwas verwirrtes Schulterzucken und dem Kommentar "Ja, ginge auch..." keine weiteren Erklärungen. Ich habe daraufhin beschlossen, auf eigenes Risiko eher auf meine eigene Fähigkeit, Fahrplantabellen lesen zu können, zu vertrauen und die Ratschläge des Servicepersonals getrost zu ignorieren. Gleichzeitig stand für mich in diesem Moment fest, ab jetzt jeden Schaffner auf meiner weiteren Route zu sticheln und ihn mit den Aussagen seiner Uelzener Kollegen zu konfrontieren. Netter Zeitvertreib in verspäteten Zügen.
Apropos Zeitvertreib: man kann in Uelzen die nötige Wartezeit auf verspätete Anschlusszüge hervorragend überbrücken. Beispielsweise beim Pinkeln. Ja ja, in Uelzen hat der Künstler Hundertwasser nicht nur das Bahnhofsgebäude an sich gestaltet, sondern auch die Toiletten. Und um die dann benutzen zu können, muss man auch gleich mal 70 Cent Eintritt bezahlen. Da wirft sich doch die Frage auf, ob die Züge nicht bewusst deswegen verspätet eintrudeln, damit die Fahrgäste auf diese Weise gar keine andere Wahl haben, als sich die Sehenswürdigkeit "Toiletten im Uelzener Bahnhof" anzuschauen und des Preis zu bezahlen, den sonst dafür keiner ausgeben würde.
Wie dem auch sei, um 10:09 Uhr - exakt eine Stunde und vier Minuten später als eigentlich geplant - ging es dann von Uelzen nach Hannover weiter. Und - Wahnsinn - dieser Zug war dann sogar um 11:15 Uhr auch pünktlich in Hannover (die bereits akzeptierte einstündige Verspätung mal außen vor).
Von Hannover aus sollte es dann nach Goslar ursprünglich mit einem Regionalexpress um 10:35 Uhr weitergehen, aber der war ja nun bereits weg. Statt dessen musste ich auf die Regionalbahn um 11:34 Uhr ausweichen. Zum Glück fahren die Züge zwischen Hannover und Goslar ja stündlich. Und dieser Zug stand dann auch pünktlich abfahrbereit am Bahnsteig. Die Abfahrttafel zeigte ordnungsgemäß mit "via Hildesheim, Goslar nach Bad Harzburg" die richtig Route an. So soll es sein, dachte sich ein mittlerweile wieder halbwegs besänftigter Fahrgast. Man lässt sich also halbwegs glücklich auf die harten Sitzbänke plumpsen und wartet auf seine planmäßige Ankunft in Goslar um 12:54 Uhr (einstündige Verspätung durch das Uelzen-Syndrom bereits akzeptiert).
Doch dann: Hollywood-reife Dramatik! Es ertönt ein Pfiff, die Türen schlagen zu, der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr für die Fahrgäste, und erst jetzt rückt der Zugbegleiter mit der schrecklichen, grausamen Wahrheit raus: "Liebe Fahrgäste, willkommen in der Regionalbahn 08/15 nach Hildesheim..."
Hä? BITTE? Hildesheim? Hallo? Wo ist der Rest der Strecke? Gibt’s nicht mehr, zumindest heute nicht. Wegen Baumaßnahmen bietet die Bahn zwischen Hildesheim und Salzgitter-Ringelheim einen Schienenersatzverkehr an; die Züge enden in Hildesheim.
Heul, schluchz... hat jemand von euch schon mal einen Schienenersatzverkehr mitgemacht? Es ist grausam! Die Busse sind in der Regel die ältesten, die die Bahn noch irgendwo auftreiben konnte. Und sie brauchen immer viel länger als die Bahn. In unserem Fall etwa doppelt so lange!
Gedacht hat sich die Bahn das etwa folgendermaßen: man steigt in Hildesheim aus und begibt sich zum Busbahnhof. Freundlich und offenbar tatsächlich von seiner Argumentation überzeugt hat der Zugbegleiter mich sogar noch darauf aufmerksam gemacht, dass diese Aktion ohne Stress über die Bühne geht, da in Hildesheim großzügigerweise eine gewisse Aufenthaltsdauer mit eingeplant sei. Sacht mal, hat der Kerl vielleicht schon mal darüber nachgedacht, dass man sich vielleicht gar nicht über eine Aufenthaltsdauer freuen kann, wenn man in jedem Zug sitzt, der einen eigentlich direkt nach Hause bringen sollte???
Der Bus fährt dann parallel zur Bahnstrecke die einzelnen Stationen ab, natürlich jedes Mal mit möglichst großen Umwegen, damit es sich auch lohnt. Auf der recht kurzen Strecke zwischen Hildesheim und Salzgitter-Ringelheim hätte ich somit mal locker wieder eine Stunde verloren. Auch in Salzgitter-Ringelheim, eigentlich nur noch ein paar Minuten von Goslar entfernt, würde es eine auch so freundliche Aufenthaltsdauer geben... Kruzifix! Wenn schon Schienenersatzverkehr, dann doch bitte bis direkt nach Goslar!
Ironischerweise gab der Zugbegleiter mir noch bekannt, dass die Regionalexpress-Züge zwischen Hildesheim und Goslar sehr wohl fahren durften. Durch die Baumaßnahmen sei die Strecke halt nur sehr eingeschränkt befahrbar, und so hatte man sich entschlossen, die Regionalbahnen einfach zu streichen und nur die Regionalexpress-Züge weiterfahren zu lassen. Dem aufmerksamen Leser wird jetzt sicherlich schon was dämmern... Ich sitze in der Regionalbahn ab Hannover um 11:34 Uhr, weil ich den Regionalexpress um 10:35 Uhr aufgrund der Verspätung in Uelzen nicht mehr erreichen konnte. Ein Doppelschlag des Schicksals also - wäre ich in Uelzen durchgekommen, hätte es auch in Hildesheim geklappt. In solchen Momenten weiß man echt nicht mehr, ob man lachen oder weinen möchte.
So haderte ich mit meinem Schicksal, resigniert und mittlerweile nicht mehr an das Gute an der Bahn glaubend. Ingesamt musste ich also zwei Stunden Verspätung in Kauf nehmen, und dass alles, ohne ein aufrichtiges, aufbauendes Wort der nur scheinbar anteilnehmenden Zugbegleiter (ich erinnere noch einmal: "Ich kann ja auch nichts dafür..." - "Mir doch egal, du Marionette in Bahnuniform...").
Aber auch in schlechten Zeiten kann man sich bei der Bahn immer auf etwas verlassen: Minus und Minus ergibt Plus! Oder etwas weniger abstrakt formuliert: wenn Zug A Verspätung hat, dann hat sicherlich auch Zug B irgendwo und irgendwie Verspätung. Mit der Ankunft in Hildesheim ca. gegen 12:00 Uhr - der Zugbegleiter hatte mir die Busanschlüsse mittlerweile mehrfach diktiert, also wolle er immer nur noch mehr Salz in die Wunde streuen - wollte ich mich auf den Weg zum Busbahnhof machen. Und was steht da auf einem etwas entfernteren Gleis? Kaum zu glauben! Nein, ein Hoch auf derartige Leistungen der Deutschen Bahn! Dort steht der Regionalexpress, der Hannover bereits um 10:35 Uhr verlassen hatte, also jener Zug, denn ich durch die Verspätung in Uelzen nicht mehr bekommen hatte. Und der hatte auf der kurzen Strecke zwischen Hannover und Hildesheim selbst ebenfalls eine Rekord-Verspätung von weit über einer Stunde eingefahren, weshalb ihn meine Regionalbahn tatsächlich einholen konnte. Wenn es so etwas wie einen Gott dort oben gibt, dann spielt der offenbar auch gerne Eisenbahn.
Und wir erinnern uns an die goldenen Worte des Zugbegleiters: die Regionalexpress-Züge werden durchgelassen. Juhu! Warum die Bahn in Hildesheim über die Lautsprecher trotzdem weiterhin den Schienenersatzverkehr ankündigt, obwohl der etwa um eine Stunde schnellere Zug abfahrbereit auf Gleis 1 steht, bleibt dagegen weiterhin schleierhaft. Wahrscheinlich hat im Bahnhof einfach niemand mitbekommen, dass da immer noch ein verlorener Zug steht.
Und dieser Zug fährt dann tatsächlich unmittelbar ab (mit einer generellen Verspätung von etwa 80 Minuten) und kommt ohne weitere Verzögerungen durch die Baustelle und somit in Goslar an. Und was sind schon 80 Minuten? Man sollte nicht so kleinkariert sein.
Wer sich die Umsteigszeiten von 10 Minuten in Uelzen bzw. 20 Minuten in Hannover wie eingangs empfohlen gemerkt hat, ahnt jetzt bereits die Moral von der Geschichte: es ist nutzlos, sich bei der Bahn Fahrpläne einzuprägen. Sie stimmen eh nicht.
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